Der Journalist


Erstes Gespräch mit Ihr. Er wusste nicht genau, wieso er gerade das Bedürfnis hatte mit ihr zu sprechen. Er kannte sie kaum, er wusste nicht viel von ihr und trotzdem hatte er den inneren Wunsch, ihr seine Seele anzuvertrauen. In ihren Antworten, die Antworten auf seine Lebensfragen zu finden. Wahrscheinlich, weil sie ihn nicht kannte, ihm nie begegnen würde, oder ihn einfach nie verletzen könnte…

-Wer bist Du? Wie siehst Du Dich? Erzähle kurz über Dich!

-Es gibt nicht viel zu erzählen. Ich bin eine einfache Frau auf der Suche nach dem Menschen…

- Es gibt doch so viele Menschen um Dich herum, da müsste man nicht suchen

- Da irrst Du Dich. Ich suche nach dem Menschen im Menschen. Da wir oft vergessen, dass es ihn noch gibt. Die fragile Seite von uns. Das, was uns ausmacht wird oft in die dunkle Ecke gesteckt, um dem täglichen Kampf ums Überleben, um Glanz, um Anerkennung standzuhalten… Das interessiert mich aber nicht. Mich interessiert der Erfolg nicht. Das Rundherum ist total unwichtig. Mich interessiert wie Du bist, bevor du einschläfst. Mich interessiert wie du reagierst, wenn die Dämonen kurz an der Tür anklopfen. Machst Du auf, um sie auf einen Kaffee einzuladen, oder trinkst Du mit ihnen Vodka, um sich nicht mit ihnen konfrontieren zu müssen, sondern schnell einschlafen zu können. Mir ist total gleich, wie deine Umgebung Dich sieht... ich will wissen, was ich spüre wenn ich Dich sehe.

- Was spürst Du wenn Du mich siehst?

- Unruhe. Du wackelst gerade zwischen Weiß und Schwarz. Zwischen Gehen und Bleiben. Zwischen dem “ob du es sollst” oder “ob du es sollst bleiben lassen”. Liebst Du sie?

- Verzeihung? Ich kann Dir nicht folgen. Wen?

- Die Frau, die Du in jedem weiblichen Gesicht suchst. Die Frau, die gerade in der Luft schwebt. Die Frau, die ich erwähne, während deine Finger anfangen einen Tanz miteinander zu spielen. Es ist 22:00. Wir sitzen in einem Lokal und du befragst mich zu meinem Leben. Wovor rennst Du weg?

- Es ist ja ein berufliches Meeting.

- Das stimmt. Jedoch hättest Du drauf bestehen können, dass ich mich nach Dir time. Dass ich einen Termin finde, der zu einer angemessenen Zeit passiert. Ich weiß, ich war hartnäckig. Meine Zeit ist sehr kostbar, jedoch hätte ich es akzeptiert wenn Du gesagt hättest, dass du zu dieser Zeit bei deiner Liebsten sein willst. Jeder hat irgendwo seinen Liebsten, dem gewisse Uhrzeiten gehören. Egal, ob in der Realität oder nur, um von einer Person zu träumen, die einem nicht gehört. Du hast aber deine Prioritäten anders aufgeteilt. Du sitzt hier mit mir.

- und Du? Dein Liebster? Wieso bist Du da mit mir? Sind deine Uhrzeiten anders?

- Ich musste in meinem Leben Entscheidungen treffen. Du musst Dich kurz entscheiden, entweder die Muse oder die Geliebte zu sein. Ich entschied mich für die Muse. Man kann nicht beides vereinen. Von den ewigen Sachen dauert die Liebe am kürzesten. Als Muse bleibt jedoch ein kleines Stück von Dir in seiner Kunst, während alles andere gestorben ist. Schaffen ist oft mit Schmerz verbunden. Da kann man einfach nicht bleiben. Im Schmerz zu leben ist sehr kräfteraubend…. Aber ja, wenn Du fragst… Ihm gehört der Morgen. Der Morgen ist für mich die wichtigste Tageszeit. Da treffe ich ihn kurz im Unterbewusstsein. Gebe ihm einen Kuss, und verschwinde mit dem ersten Augenaufschlag…

- Hast du es immer so aufgegeben?

- Nein, nie… Ich habe nie aufgegeben… Das Leben hatte einfach ein anderes Szenario geplant… Irgendwann habe ich es einfach akzeptiert. Zu lieben heißt nicht immer zu bleiben. Zu lieben heißt sehr oft auch zu gehen.

- Ich verstehe Dich wiedermal nicht.

- Ich weiß. Ab und zu musst Du gehen, um jemanden vor Dir selbst zu schützen. Ab und zu bist du nicht gereift, nicht stabil um bei jemanden zu bleiben. Nicht stark genug. Ab und zu gehst Du um jemandem die Möglichkeit zu geben, weiter zu gehen. Ein einfaches Glück zu genießen. Mit mir war es immer kompliziert. Ich möchte jedoch, dass die Menschen, die ich liebe, es einfach haben! Es gibt nichts einfacheres als das Glück anzunehmen und zu genießen.

- Bist Du glücklich?

- Auf meine eigene Art und Weise sehr. Ich kann meinen Traum leben. Ich sehe. Ich höre. Ich lebe. Ich hab zu essen. Ich habe die Sonne morgens. Ich lebe meine Leidenschaft. Wie kann man da unglücklich sein?

- Aber hast Du da nicht einen Moment, in dem Du Heim kommst... Es ist etwas Wundervolles in deinem Leben passiert und es gibt niemanden, der auf Dich wartet? Gibt es jemanden? Fehlt da nicht ein kleines Puzzlestück zur Vollkommenheit?

- ich bin nicht vollkommen. Ich weiß nicht, ob ich mit so viel positiver Energie von allen Seiten umgehen könnte. Ich brauche meine dunklen Ecken. Ich brauche meine Kanten.

- war jemals der perfekte Partner da?

- alle meine Partner waren perfekt auf ihre eigene Art und Weise. Ich bin jedoch keine Perfektionistin.

Er war kurz überrascht. Ihre Antworten waren sehr verspielt, sehr offen, sehr subtil… Er wusste noch nicht worauf sie hinaus will, jedoch machte es ihn sehr neugierig…

Fortsetzung folgt

#Journalist #Manulli #AniaRadziszewska

  • Grey Facebook Icon
  • Grey Instagram Icon

© 2016 by Manulli.

 

 

All photographs and text are the exclusive property of Ania Radziszewska  and are protected under international copyright treaties. The photographs may not be copied, reproduced, redistributed, manipulated, projected, published, used or altered in any way without the prior express written permission of Ania Radziszewska