Eine Frau und ein Kind


Sie schleicht durch die Straßen Gdansks. Kurz vor der Hochsaison. An jeder Ecke glückliche verträumte Touristen. Wie auch anders. Es gibt keine Stadt, die so malerisch und speziell ist wie Gdansk. Bunte Häuser, bunte Gassen vom Sonnenlicht geschmückt und von der Meeresbrise begleitet. Ruhe und Freude gehen auf.

Sie bestellt den ersten Kaffee. Dazu die Zigarette. Der perfekte Mix aus Gift schmeckt herrlich wie noch nie. Er schmeckt nach Freiheit, Vorfreude, auf Abenteuer und Glück. Sie ist ja ganz allein in der Stadt ihrer Träume, somit kann niemand ihre Aufmerksamkeit stehlen. Es existieren nur sie, die Stadt und das Meer… Alles in einem – Vollkommenheit.

Sie genießt die Menschen. Sie schaut jedem genau ins Gesicht. Die Körperhaltung ist entspannt. Die Gesichter strahlen Freude aus. Der Glanz in den Augen ist heller als die Sonne. Es erfüllt sie mit Energie, aber es fehlt ihr an Tiefe und Spannung.

Sie nimmt die Kamera, da sie mehr sehen will. Zoom. Links. Zoom. Rechts. Zoom in die kleine Nebengasse. Stopp!

Sie bleibt geschockt stehen. Das, was sie sieht erfüllt gerade ihr Herz mit Schmerz und seltsamerweise Hoffnung zugleich. Hoffnung auf ein besseres Leben.

Soll ich näher kommen? Darf ich das? Darf ich sie stören? Wie viel Zeit haben wir? – plötzlich entstehen tausende Fragen, tausende Geschichten und der wichtigste Gedanke: Wieso?

Sie – 8 Jahre jung. Obwohl in diesem Fall wahrscheinlich die Bedeutung alt passender wäre, denn ihre Augen haben mehr gesehen und erlebt als Du und ich… Zerstreutes goldblondes Haar. Ungewöhnlich für ein Zigeunermädchen. Sommersprossen. Gedämpftes Lächeln. Augen voller Hoffnung, gebrochen durch Melancholie.

Die Manulli kann den Blick nicht wegreißen. Sie kann gerade nicht mit der Situation umgehen. Alle Menschen würden weggehen, weitergehen erfüllt von Ihrem Glück, nur die Manulli schafft es nicht einmal, eine Wimper zu bewegen. Fast eingefroren. Das Kind erinnert die Manulli, an jemanden, den sie sehr gut kannte. Jemanden der ihr sehr nahe war… Sie vergibt ihr innerlich einen Namen, denn sie weiß, dass nur was du ernennst du auch zähmen kannst. Sie wird “die Kleine”… Mala auf polnisch.

Mala sitzt noch immer auf ihrem kleinen wackeligen Stuhl in der Seitengasse. Ganz alleine. Sie ist mutig. Wie viele von uns wären das schon mit 8 Jahren. In ihren kleinen Händen hält sie ein Akkordeon. Das älteste Akkordeon, dem die Manulli bis jetzt begegnet ist, und sie sah viel, hörte viel, und kannte viel trotz junger Jahre. Mala spielt immer wieder die selbe Sequenz. Für die Manulli wird es die traurigste Symphonie, die sie jemals gehört hat, und die immer noch Nachts in ihrer Seele erklingen wird. Sie weiß auch noch nicht, dass diese Melodie nie wieder aus ihrem Innersten verschwinden wird.

Malas Augen sind schnell. Niemand bleibt unbemerkt. Niemand – auch nicht die Manulli. Plötzlich treffen sich die Blicke. Ein Schock. Für die Kleine als auch für die Große. „Ihre Augen sind einladend. Und irrsinnig hungrig vor allem nach Liebe. Genau wie meine. Das ist die Verbindung“, glaubt die Manulli zu wissen.

Sie zieht einen Schein aus der Börse, bringt ihren ganzen Mut auf und geht in Richtung des kleinen Übels, das versucht, jede Minute auf dieser Welt zu überleben. Mit jedem Schritt bemerkt sie, dass Mala dreckig ist, ihre Kleidung zerfällt und ihre Schuhe zu klein sind. Jeder Schritt bereitet ihr Schmerzen. Sie reicht ihr das Geld. Das kleine Übel schaut hinauf und hört auf zu spielen. Sie reißt das Geld weg und mit dem Geld verschwindet auch Mala…

Die Manulli steht geschockt da und kann sich diese Begegnung nicht erklären.

Diese Zeremonie wiederholt sich täglich. Die kleine und große Manulli begegnen sich stets in den kleinsten Gassen der Stadt. Als würden sie einander wie Magneten anziehen. Die eine zum Fotografieren. Die andere zum Spielen. Ihre Treffen dauern jedes Mal um eine Minute länger.

Eines Tages steht die Manulli auf der Brücke, geht den Gang des goldenen Tores entlang. Bleibt stehen. Das perfekte Licht. Die perfekte Linse. Der perfekte Moment. Sie drückt ab. Jemand greift ihr von hinten auf den Rücken. Sie dreht sie um – da steht sie. Mala….

-Hallo… Fotografier mich… ich will, dass Du Dich an mich erinnerst…

Ohne ein Wort, füllt die Manulli den Auftrag aus. Ihre Hände zittern. Am liebsten würde sie das kleine Übel in die Hände nehmen, anstatt die Taschen zu halten. Nach dem Auslöser ist sie weg… Einfach weg….

Sind die letzten Worte bevor sie verschwindet…Manullis Herz fängt an zu rasen. Sie weiß, sie braucht einen Rat. Im Kopf ist schon ein Plan.

Sie weiß ganz genau, dass diese Stadt noch jemanden für sie beinhaltet. Jemanden ganz besonderen. Jemanden, dessen zweiter Name “Vertrauen” und dritter “Respekt” ist. Sie sucht ihn auf. Sie weiß ganz genau, wo und wann sie ihm zu begegnen hat.

Aufgeregt, erzählt sie vom Masterplan…

- Glaubst Du kann ich es? Ich suche ihre Eltern. Ich suche diese seelenlosen Bastarde und hole sie weg von hier. Sie hat ein besseres Leben verdient. Ich gebe ihr zu essen, zu schlafen, und werde sie lieben… Wie eine Mutter, die sie nie hatte… Ich kann das. Du weißt, dass ich das kann…

Er weiß, dass sie das kann. Seine Augen werden traurig. Er weiß nämlich auch ganz genau, was jetzt passieren wird. Er weiß auch, dass sie nicht zu bremsen sei, wenn sie etwas vom ganzen Herzen will. Das war sie nie. Er weiß aber, dass sie das nicht darf. Er weiß, er muss ihr das Herz brechen um nicht zwei kleine verlorene Herzen zu zerstören. Er weiß, dass ihr Plan, sie ihr Leben und ihre Gesundheit kosten könnte. Er weiß, er muss alles machen was in seiner Macht steht, um es ihr nicht zu erlauben…

Das tut er auch. Mit aller Mühe und Kraft die er aufbringen kann, verbietet er ihr mit dem Feuer zu spielen. Er weiß, dass dahinter große Mafiabanden stehen. Er sah es kommen, bevor sie in die Stadt einreiste und recherchierte im Vorhinein. Er ist einer der wenigen, der sie lesen kann, somit kennt er einige ihrer Gedankengänge. Aus diesem Grund weiß er auch, dass es nicht leicht wird. Es ihr ausdrücklich zu verbieten ist zu wenig. Sie wird sich sowieso nicht daran halten.

Er bringt sie weg, zwingt sie unter verschiedenen Aufwänden die Stadt zu verlassen. Packt sie ins Auto und verschwindet mit ihr. Sie weint. So schrecklich, dass ihre Tränen fast der Ostsee ähnlich schauen. Sie sagt kein Wort. Die nächsten Tage schweigt sie…

-Du musst da durch. Du musst kurz dein Herz sterben lassen, Kleine, damit du überleben kannst, und Mala auch…Du musst mir vertrauen, dass es so sein muss!

Am Tag ihrer Abreise, zwingt er sie in den Flieger… Er weiß eines… Nur so können beide überleben. Die große und kleine Manulli… Die einige Wochen für sich hatten – zwischen Nähe und Distanz…

-Versprich mir dass du nach ihr schaust, versprich es mir… Und wenn es so weit ist, du mir erlaubst sie nach Hause zu nehmen… Versprich es auf dein Leben!

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© 2016 by Manulli.

 

 

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